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Donnerstag, 2. Februar 2017

Die Praxis des Jesusgebets


Christus-Ikone in meiner Wohnung

Seit einiger Zeit übe ich mich in der Praxis des Jesusgebets.

Das Jesusgebet ist die Antwort des Menschen auf die biblische Aufforderung des Apostels Paulus:

"Betet ohne Unterlass!" (1 Thess 5,17)

Man nennt dieses Gebet auch das Herzensgebet oder das immerwährende Gebet. Die Anfänge des Jesusgebets reichen bis in die Frühzeit des östlichen Mönchstums zurück und sind daher ein zentrales Element orthodoxer Spiritualität. Aber auch von vielen Katholiken und von vielen Gläubigen anderer christlicher Konfessionen wird diese Gebetspraxis verrichtet. Im katholischen Orden der Kartäuser, dessen Nonnen und Mönche Gott ja gerade im Schweigen und in der Einsamkeit suchen, ist dieses immerwährende Gebet ein wichtiger Teil der Spiritualität. 

Die Übung des Jesusgebets ist eine Gebetspraxis, welches die drei klassischen Wege der christlichen Gebetsmystik umfasst :

- den Weg der Reinigung
- den Weg der Erleuchtung
- den Weg der Einigung

Auf dem Weg der Reinigung wird unser Herz von allem befreit, was uns an diese Welt fesselt. Dies ist ein Läuterungsprozess, der sehr schmerzhaft sein kann, weil wir dadurch zu einer Selbsterkenntnis unserer persönlichen Sündhaftigkeit gelangen. Unser Herz wird ganz weit, Reue wird in unserem Bewusstsein erweckt und auf diese Weise werden wir fähig, uns ganz auf Gott auszurichten. Unsere Liebe zu Jesus Christus und unsere Liebe zum Nächsten werden immer größer, wir entwickeln Barmherzigkeit und eine liebende Güte. Dadurch wird unser Glaube vertieft. Unser Weg ist immer mehr von dem Bemühen gekennzeichnet, die Weisungen Christi in unserem Leben zu verwirklichen, vor allen Dingen so wie unser geliebter Herr sie uns in der Bergpredigt geschenkt hat.

Auf dem Weg der Erleuchtung erlernen wir die Hingabe beim Gebet, indem wir unsere Gedanken und unseren Blick auf unseren geliebten Herrn Jesus Christus gerichtet halten. Mehr und mehr werden wir fähig, den Willen Gottes zu erkennen und Seinen Willen zu unserem Willen zu machen. Wir legen unsere Sorgen und Ängste ab, das Kreisen um unser eigenes Ego hört langsam auf. Wir fangen an, jeden unheilsamen Gedanken loszulassen, wir gelangen in die Stille und die Ruhe. Schließlich werden wir fähig, überhaupt jeglichen Gedanken loszulassen. Statt dessen bewegen wir unablässig den Namen Jesu Christi in unserem Herzen.

Auf dem Weg der Einigung befinden wir uns, wenn wir nach langer Gebetspraxis jeglichen Gedanken losgelassen haben und statt dessen nur noch den Herrn in unserem Herzen bewahren, um dadurch im Gebet mehr und mehr mit Gott eins zu werden. Dieses Bewahren des Herrn in unserem Herzen wird als Nüchternheit oder Wachsamkeit des Geistes beschrieben.

Bei dem Jesusgebet gibt es keinen einheitlichen Gebetstext. Wichtig bei diesem Gebet ist, dass stets der Name unseres geliebten Herrn Jesus Christus angerufen wird. So kann sich der Praktizierende eine Formulierung aussuchen, die mit seinem eigenen Herzen in Verbindung tritt, wie zum Beispiel

Jesus Christus.

Jesus.

Herr Jesus Christus.

Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner.

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner.

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir Sünder.

Ich habe mich für das sogenannte kleine Jesusgebet entschieden, welches auch die Mönche auf dem Berg Athos sprechen:

Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner.

Auf Griechisch lautet es:

Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ, υἱὲ τοῦ Θεοῦ, ἐλέησόν με.

Man sollte das Jesusgebet mit Hilfe einer Gebetsschnur verrichten. Die Knoten der Gebetsschnur dienen weniger der Zählung der Gebete, sondern dienen eher zur Hilfe für einen gleichmäßigen Rhythmus der Gebetsverrichtung und zu dem Zweck, eine Vertiefung der Ruhe und der Konzentration zu erreichen.

Es gibt keinen Ort und keine bestimmte Stunde, um das Jesusgebet zu verrichten. Man kann sich immer und überall in die Verrichtung des Jesusgebetes einüben.

Die Praxis des Jesusgebetes besteht in der Hinlenkung der denkenden Seele zu Gott. Tagtäglich und immer wieder übt man das Jesusgebet ein, indem man in Ruhe seine Gedanken unter Führung des Verstandes gesammelt hält, um die Tiefen Gottes zu ergründen und von den Früchten der Gottesversenkung zu kosten.

Ein Gnadengeschenk ist es, wenn das Jesusgebet nach vielen tausenden Wiederholungen in das Herz des Betenden herabsinkt und dort zum "immerwährenden Herzensgebet" wird, welches die Seele reinigt und in eine tiefe Gottesverbindung führt

Das Ziel der Praxis des Jesusgebetes ist die Versenkung des Verstandes in Gott, damit der praktizierende Betende gleichsam ein Geist mit Gott werde.

Meine Gebetsschnur aus Griechenland.
Dort nennt man sie Komboskini.

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