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Mittwoch, 22. Februar 2017

Wie wir am Leiden wachsen

Christus am Kreuz im Kloster der Bernhardinerinnen zu Krakau/Polen

Es ist für jeden Glaubenden ungemein wichtig zu begreifen, dass wir nur am Leiden wachsen. Es gibt nämlich keine geistige Reinigung und Läuterung, die nicht schmerzhaft ist und die nicht weh tut. Die Sünde und das Falsche sitzen doch viel zu tief in uns, als dass sie mal eben mit Leichtigkeit entfernt werden könnten. Nein, zum Christ-Sein gehört das Kreuztragen unweigerlich dazu. Wir können die Fülle des Lebens in Gott nur erreichen, wenn wir "Ja" sagen zu unserem Kreuz und damit "Ja" sagen zu unserem Leiden. Unser Leiden ist gewissermaßen wie ein Schleifstein, der alles Verkehrte und alles Sündhafte aus unserem Herzen herausschleift und uns reinigt, glättet und in Form bringt, bis wir den geheiligten Zustand erlangt haben, in den Gott uns führen möchte.

Ich komme in letzter Zeit mit sehr vielen Menschen zusammen und habe erfahren, dass jeder Mensch, dem ich begegne, leidet. Bei jedem Menschen ist das Leiden unterschiedlich und ganz individuell. Der eine befindet sich in einer großen finanziellen Not, der andere leidet unter Ängsten und Depressionen. Ein weiterer hat gerade seinen Arbeitsplatz verloren, und ein anderer hat soeben eine schwere Krebsdiagnose von seinem Arzt bekommen. Eine Frau ist von ihrem Ehemann verlassen worden, weil der Mann sich jetzt in eine jüngere Frau verliebt hat. Eine andere Frau hat gerade ihren Ehemann durch den Tod verloren, die Kinder ihren Vater und die Geschwister ihren Bruder. Ein Freund wird durch böse Nachbarn mit Prozessen überhäuft. Und bei manchen kommt gerade alles gleichzeitig und gehäuft. Das Leiden will gar kein Ende nehmen, und die Verzweiflung ist groß. Ja, es ist wirklich niemand vom Leiden ausgenommen. Wir können es verdrängen oder verleugnen, wir können Antidepressiva nehmen, so viele wir wollen, aber das Leiden verschwindet nicht und gehört zu unserem Leben dazu.

Da ist es doch sinnvoll zu begreifen, dass wir nur am Leiden wachsen. Denken wir immer daran, unsere inneren und äußeren Leiden öffnen die Tür für das Licht. Irgendwann einmal werden wir begreifen, dass alles Schwere und alles Leiden in unserem Leben ein viel kostbareres Geschenk gewesen ist als alles andere sonst und mag dieses alles andere auch noch so schön gewesen sein. Alle wahren und wichtigen Geschenke Gottes tragen das Zeichen des Kreuzes. Nehmen wir also unser Leiden und unser Kreuz an und üben wir uns im Loslassen.

Eines Tages wirst auch Du sterben, und dann musst Du alles loslassen, ob Du es willst oder nicht. Warum also nicht jetzt schon in Deinem Leiden das Loslassen üben? Dann wird es Dir in Deiner gegenwärtigen Situation auch leichter ums Herz, und in Deiner Todesstunde fällt es Dir dann ebenfalls nicht mehr so schwer.

Denken wir doch an unseren geliebten Herrn Jesus Christus, der spricht:

"Wer Mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge Mir nach."

(Lukas 9,23)

Damit wir am Leiden wachsen können, ist es daher unerlässlich, dass wir zu unserem Kreuz aufrichtig "Ja" sagen. Wenn wir Schmerzen erfahren und die Enttäuschungen in unserem Leben groß sind, dann sollten wir uns nicht verhärten und von Gott abwenden. Suchen wir Ihn gerade dann im Gebet. Es ist sehr wichtig, dass wir uns gerade inmitten vom Leiden, inmitten von Schmerzen und inmitten der Enttäuschung ganz offen für Gott machen und uns Ihm in ganz tiefem Vertrauen zuwenden.

Und wenn Du meinst, dass es nicht mehr weitergeht, und dass Du nicht mehr kannst, dann nimm ein Kreuz und schaue auf Jesus und rufe Ihm zu:

"Jesus, ich vertraue auf Dich!"

Dann wirst Du Ruhe, Trost und Frieden finden; einen Frieden, den uns nur unser geliebter Herr Jesus Christus geben kann. Stell Dir vor, wie sehr die Allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria, die Mutter Jesu, die doch auch Deine Mutter ist, wie sehr Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, und wie sehr Maria Magdalena, die Frau, die von Jesus von sieben Dämonen befreit worden ist, voller Schmerzen und Leiden unter dem Kreuz Christi gestanden haben. Auch sie haben auf Jesus geschaut, sie haben ihr Vertrauen auf Ihn nicht aufgegeben, und das zu einem Zeitpunkt, in dem Jesus am Kreuz starb. Alles schien verloren und bis auf Johannes waren alle anderen Jünger voller Angst geflohen. Schau auf Jesus und erkenne, dass nur aus dem Kreuz Heil und Leben erwächst.

Ja, wir müssen manchmal tatsächlich unbeschreiblich tief leiden, aber gleichzeitig sind wir gerade in unserem Leiden und Kreuztragen begnadet, denn wenn irgendwo, dann erwächst gerade aus unserem Leiden Segen, und unser Kreuz verwandelt sich in ein Geschenk, welches direkt aus der Liebe Gottes kommt.

Machen wir es wie die Heilige Johanna Franziska von Chantal, die gemeinsam mit dem Heiligen Franz von Sales den Orden der Salesianerinnen gründete und deren Leben von schweren Schicksalsschlägen, von starken Glaubenszweifeln und von großen Ängsten geprägt war, bis Gott eines Tages ihr Gebet um einen geistlichen Seelenführer erhörte. Dieser geistliche Seelenführer war der Heilige Franz von Sales. So wurde aus der ängstlichen und zweifelnden und von Schicksalsschlägen gebeutelten Frau eine große Heilige, die nur noch auf Gott vertraute. Sie wurde fähig, zu ihrem Kreuz und zu ihrem Leiden "Ja" zu sagen. So nannte sie ihre Kreuze, Leiden und Bedrängnisse Schleifsteine und erkannte, dass gerade diese schmerzvollen Schleifsteine die größten Geschenke Gottes an sie waren, die alles Verkehrte, alles Falsche und alles Sündhafte aus ihrem Herzen herausschliffen und wie sie gerade auf diese Weise von Gott gereinigt und geheiligt wurde.

Begrüße also doch auch Du Dein Leiden und Kreuz wie die Heilige Johanna Franziska von Chantal mit den Worten:

"Schleifstein meiner Heiligkeit, sei gelobt in Ewigkeit."

Dann wirst auch Du erfahren, wie wir am Leiden wachsen.


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