Translate

Donnerstag, 7. September 2017

Eine kleine Parabel über die Vorsehung Gottes


Immer wieder erleben wir Situationen in unserem Leben, die wir zunächst nicht verstehen können.

Uns erscheint es so, dass es gerade den guten Menschen in der Welt oft schlechter ergeht als den Bösewichtern. So geschehen gottesfürchtigen Menschen scheinbar schreckliche Dinge und sie werden schwerkrank, von einer großen Not getroffen oder ein böser Mensch spielt ihnen übel mit. Währenddessen stellen wir immer wieder fest, dass es gerade den Bösewichtern oft gut ergeht. Durch Betrug machen sie einen großen Gewinn, durch Lug und Trug gewinnen sie einen Gerichtsprozess oder durch brutale Gewalt verschaffen sie sich einen Vorteil.

Da fällt uns das Vertrauen auf Gott manches Mal schwer, und wir verzagen und zweifeln an der Vorsehung Gottes.

Da auch ich gerade durch eine schwere Zeit gehe und mich manchmal die schrecklichen Pranken des Verzagens ergreifen und verschlingen möchten, erinnerte ich mich an die erkenntnisreiche Parabel vom Einsiedler.

Eine Parabel ist eine kurze, lehrreiche Erzählung. Das im Vordergrund sich ereignende Geschehen hat eine übertragene Bedeutung, die den Leser zum Nachdenken über die Moral der Geschichte anregen und ihn zu einer neuen Erkenntnis führen soll. Und hier nun die Parabel:
 
Ein Einsiedler, der ganz allein in seiner Waldeinsamkeit lebte, fragte sich eines Tages:

"Warum geht es draußen in der Welt den Guten vielfach schlecht, den Bösen aber gut? Wo bleibt da Gottes Vorsehung? Wohlan, ich will hinausgehen und die Vorsehung Gottes suchen."

So begab sich der Einsiedler in die Welt. Auf einer Straße gesellte sich ein junger Mann zu ihm, und als es Abend wurde, gelangten die beiden in ein hohes Schloss und fanden dort recht freundliche Aufnahme. Doch am nächsten Morgen nahm der junge Mann heimlich einen silbernen Becher aus dem Schloss mit.

Der Einsiedler und der junge Mann wanderten weiter und erreichten am nächsten Abend das Haus eines Geizhalses. Freundlich baten die beiden um eine Unterkunft für die Nacht. Selbst als der junge Mann dem Geizhals den silbernen Becher übergab, erhielten sie kein Obdach von dem bösen Mann. Wie gierig hatten doch die Augen des Geizhalses beim Anblick des silbernen Bechers gefunkelt, als der junge Mann ihm den Becher übergeben hatte. 
 
Der Einsiedler und der junge Mann wanderten weiter und suchten Rast in einem ärmlichen Haus. Die Leute hatte zwar selbst wenig, gaben aber vom Wenigen gern. Beim Abschied warf der junge Mann einen Feuerbrand ins Haus, sodass die Flammen lichterloh emporzüngelten. Da packte den Einsiedler das Grauen vor seinem Begleiter. Nur ungern folgte er ihm ins Gebirge. Plötzlich drang aus einem einsamen Gehöft ein lautes Wehklagen. Ein Vater und eine Mutter weinten am Krankenbett des einzigen Kindes. Der junge Mann bereitete einen Trank für das kranke Kind. Doch als das Kind den Trank fieberglühend zu sich nahm, starb es sogleich.
  
Voller Entsetzen stellte der Einsiedler den unheimlichen jungen Mann nun zur Rede:

"Warum machst du so etwas? Dem Geizhals hast du geholfen, aber den guten Leuten geschadet."

In diesem Augenblick erschien der junge Mann dem Einsiedler wunderschön in himmlischem Lichtglanz und sprach feierlich:

"Ich bin ein Engel vom Himmel, ein Bote Gottes!

Du hast gezweifelt an Gottes Vorsehung.

Du hast gestaunt, warum ich dem edlen Schlossherrn den silbernen Becher genommen und ihn dem Geizhals gegeben habe -
der Becher war vergiftet, bringt dem Geizhals seiner Sünden Lohn.

Du hast dich gewundert, warum ich den armen Leuten das Haus angezündet habe -
sie werden im Schutt bald einen Schatz finden als reichen Lohn ihres guten Willens.

Du hast gezürnt, dass ich dem kranken Kind nicht einen Heiltrank gereicht habe -
das Kind wäre sonst später ein Verbrecher geworden, jetzt ist es glückselig im Himmel.

Siehe, nach dem Willen Gottes habe ich alles richtig gemacht als Bote Gottes."

So sprach der Engel und verschwand.
 
Daraufhin kniete der Einsiedler reumütig nieder und bat Gott um Verzeihung. Fortan bekannte er demütig: 

"Was Gott tut, das ist wohlgetan,
wenn ich`s auch nicht begreifen kann." 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen